45,8 Millionen Sklaven weltweit

von | Jun 15, 2016 | Wissen

45,8 Millionen – das ist die Zahl der Menschen, die heute weltweit in Sklaverei leben. Zu dieser Schätzung kam die Walk Free Foundation, die im Mai 2016 den dritten Global Slavery Index vorstellte. 167 Länder der Welt wurden dabei in den Blick genommen. Eine Auseinandersetzung mit dem ambitionierten Versuch, ein Verbrechen im Dunkelfeld zu erfassen.
Der Global Slavery Index gilt in der weltweiten Anti-Sklaverei-Community als eine der wichtigsten Grundlagen zur Erforschung der Problematik der modernen Sklaverei. Neben dem geschätzten Ausmaß von Sklaverei zeigt die Studie auch die Reaktion der jeweiligen Regierungen auf die Problematik und bildet die Situation in 167 Ländern der Welt ab. Das Team um Anti-Sklavereiexperte Kevin Bales hatte dazu Erhebungen in 25 Ländern durchgeführt und Daten von insgesamt 42.000 befragten Personen ausgewertet. Unter moderner Sklaverei werden laut Bales Situationen von Ausbeutung verstanden, der sich eine betroffene Person aufgrund von Gewaltandrohung, Täuschung oder Machtmissbrauch nicht entziehen kann. Laut Index sind 58 Prozent aller Menschen in Sklaverei in lediglich fünf Ländern zu finden. In absoluten Zahlen wird die Liste von Indien (18.354.700), China (3.388.400), Pakistan (2.134.900), Bangladesch (1.531.300) und Usbekistan (1.236.600) angeführt. Auch Deutschland ist im Index enthalten, mit der nicht unerheblichen Zahl von 14.500 Menschen in Sklaverei.
www.globalslaveryindex.org
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Eine Sache der Definition

Verschiedene Studien kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Einige Unterschiede sind auf die verschiedenen zugrundeliegenden Definitionen zurückzuführen. Die meist verwendeten Zahlen zu weltweiter Sklaverei, sind die des Global Slavery Indexes sowie die der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Die ILO schätzt, dass fast 21 Millionen Menschen Opfer von Zwangsarbeit und Sklaverei sind. Diese Zahl basiert auf einer engeren Definition des Begriffs Sklaverei und bezieht nur behördlich bekannte Fälle von Zwangsarbeit mit ein. Während beide Definitionen Sexhandel als eine Form von Sklaverei verstehen, betrachtet lediglich der Global Slavery Index Zwangsheirat auch als eine Form von Sklaverei.

Wird das Problem schlimmer?

Der Global Slavery Index wurde bisher dreimal herausgebracht. Während der erste Index im Jahr 2013 von 29,8 Millionen Betroffenen sprach, waren es im Jahr 2014 bereits 35,8 Millionen. Nun wurde die Zahl um weitere 10 Millionen nach oben korrigiert. Bedeutet dies, dass das Problem größer wird? Die Walk Free Foundation erklärt, dass eine Zunahme der Sklaverei aus der Entwicklung der Indizes nicht geschlussfolgert werden kann. Der Anstieg resultiere vielmehr aus weiterentwickelten Forschungsmethoden sowie einer erweiterten Datenerhebung. Tatsächlich vermuten viele Experten, dass die reale Zahl von Menschen in Sklaverei noch um einiges höher liegt.

Verbrechen wie Sklaverei bleiben oft verborgen

Bei jeder Form von Verbrechen kann davon ausgegangen werden, dass den staatlichen Behörden nicht alle Straftaten bekannt sind. Das kann unterschiedliche Gründe haben. In manchen Fällen steht der Aufwand einer Anzeige für den Betroffenen nicht im Verhältnis zum Schaden. Andere Fälle sind auf eine enge Täter-Opfer-Beziehung zurückzuführen, sodass das Opfer eine Bestrafung des Täters vermeiden möchte. Häufig haben Opfer aber auch Angst vor einer eigenen Strafverfolgung, weil sie sich beispielsweise illegal im Land aufhalten. Bei Fällen von Menschenhandel ist dies oft ein Hinderungsgrund. Hinzu kommt Unwissenheit: Denn Opfer werden weltweit durch das Palermo-Protokoll von der Strafverfolgung begangener Straftaten befreit, die im Zusammenhang mit ihrer Verschleppung stehen. Fälle von häuslicher oder sexueller Gewalt werden von Betroffenen häufig nicht gemeldet, aus Angst vor weiterer Gewalt durch den häufig nahestehenden Täter. Typisch für Fälle von sexueller Gewalt ist, dass sich Opfer häufig selbst schuldig fühlen oder sich für das schämen, was ihnen zugestoßen ist und daher schweigen.

Verbrechen im Dunkelfeld erfassen

In der Kriminologie unterscheiden wir zwischen amtlich registrierten Straftaten, dem sogenannten Hellfeld, und der Anzahl der tatsächlich begangenen Verbrechen. Geht es um Verbrechen, die den Behörden nicht bekannt sind, sprechen wir vom Dunkelfeld. Um ein Verbrechen erfolgreich bekämpfen zu können, sind Erkenntnisse über den tatsächlichen Umfang und die Struktur des Verbrechens wichtig. Solches Wissen kann Aufschluss darüber geben, warum Verbrechen nicht gemeldet werden, wer mögliche Täter oder Opfer sind und welche Mittel verwendet werden. Ermittlungsmethoden, Gesetze, etc. können daraufhin angepasst und Lücken gefüllt werden, sodass dem Verbrechen besser entgegengewirkt werden kann.

In der Dunkelfeldforschung versucht man mehr Licht ins Dunkel zu bringen, indem man beispielsweise großangelegte Täter- und Opferbefragungen durchführt. Wenn sich die Untersuchung auf ein begrenztes geografisches Gebiet beschränkt, werden häufig auch Methoden der verdeckten Ermittlung angewandt, die genauere Daten zulassen. IJM-Forscher wenden dieses Vorgehen beispielsweise bei Prävalenzstudien zu kommerzieller sexueller Ausbeutung von Kindern an. Die Forschung im Dunkelfeld (oder auch in versteckten Populationen) ist in der Regel mit großen Herausforderungen verbunden. Der Global Slavery Index bietet bisher mit seiner klaren Methodologie weltweit den besten Ansatz, um das Problem der modernen Sklaverei zu erfassen. Schätzungen haben jedoch immer Stärken und Schwächen. Eine stetige Weiterentwicklung der Methodologie ist daher wichtig.

Noch nie so viele Sklaven wie heute – ein unlösbares Problem?

Noch nie in der Weltgeschichte gab es eine so große Zahl an Menschen in Sklaverei wie heute. Sogar während der vier Jahrhunderte des transatlantischen Sklavenhandels, betrug die Zahl aller Betroffenen mit ca. 12,5 Millionen „nur“ weniger als ein Drittel des aktuellen Indexes. Dabei ist zugegebenermaßen zu beachten, dass nicht nur das Ausmaß der Sklaverei, sondern auch die Weltbevölkerung seit damals gewachsen ist. IJM-Gründer Gary Haugen antwortete auf die Zahl der Betroffenen: „Tatsächlich wird heute ein kleinerer Anteil der Weltbevölkerung in Sklaverei gehalten. Das ist eine gute Nachricht. Ein kleinerer Teil der Weltwirtschaft beruht auf Sklaverei. Das sind gute Neuigkeiten! Aber in absoluten Zahlen leben heute mehr Menschen in Sklaverei als jemals zuvor“. Nichts werde sich an dieser Situation ändern, bis sich unsere Welt dem Problem der modernen Sklaverei in ihrem Ausmaß und ihrer Brutalität bewusst werde, führte er fort. Es sei die abscheulichste Destruktion menschlicher Würde, wenn eine Person durch Gewalt eine andere Person besitzt und kontrolliert, um daraus einen persönlichen Gewinn zu ziehen. Die Zahl von 45,8 Millionen für sich stehend, scheint ein Problem gigantischen Ausmaßes zu sein, vor welchem man vielleicht ohnmächtig stehen bleibt. Wie soll denn so eine Situation in den Griff zu bekommen sein? Aber ins Verhältnis gesetzt, wird es lösbar: Sklaverei kann abgeschafft werden! Es wurde schon einmal getan.

IJM-Mitabeiterin Anu führt mehrere Familien in die Freiheit.
IJM-Mitabeiterin Anu führt mehrere Familien in die Freiheit.

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