Frauen in Uganda: Eigentum kann nicht erben

von | Mrz 14, 2017 | Hinter den Kulissen

Landraub in Uganda. Witwen und ihre Kinder verlieren ihr Zuhause. Familienmitglieder oder Nachbarn behaupten, es sei ihr Erbe. Weil eine Frau nichts erben kann. Gewalt und Streit: Traditionelles Recht gegen nationales Recht. Das ist tragisch. Und fremd für mich, als Frau in Deutschland.

Das Thema Landraub begegnet uns in Deutschland am ehesten in den Medien. Dann geht es um Vorwürfe an internationale Konzerne, die in Entwicklungs- und Schwellenländern unrechtmäßig Land aufkaufen. Weitgehend unbekannt ist die Realität von Landraub für Witwen in Ostafrika.

Fast jede dritte Witwe ist betroffen. Zu ihnen gehören Tausende Kinder.

IJM kämpft seit 15 Jahren gegen Landraub in Uganda. Was genau der Raub von Land für eine Witwe in Ostafrika bedeutet, war mir lange nicht bewusst. Bis ich zwei Frauen traf, die mir ihre Welt erklärten. Eine von ihnen ist Rose*, deren echten Namen ich nicht nennen darf. Heute ist es mir unangenehm, dass ich – auch als Frau – so lange nicht verstanden habe, an welcher Front meine Kolleginnen dort kämpfen.

Rose* kommt aus Norduganda. Dort ist sie aufgewachsen und arbeitet heute für IJM. Rose* konfrontiert mich mit einer Frage, die ich mir noch nie gestellt habe. Besser gesagt: Ich musste mir diese Frage nie stellen:

Was ist dein Preis? Was zahlt dein Ehemann für dich?

Rose* weiß ihren Preis exakt: 13.000.000 Schilling und drei Kühe. Umgerechnet sind das etwa 400 Euro. Ihr Ehemann hat sie gekauft. Seit der Heirat ist sie sein Besitz und hat damit eine klare Funktion: Kinder kriegen, sie großziehen und den Haushalt meistern. Kochen, putzen, waschen, einkaufen und Wasser holen. Wenn sie sich widersetzt, bekommt sie das zu spüren. Ihre wichtigste Aufgabe ist es, immer ihrem Mann zu gehorchen, immer. Es gibt nichts, das Rose ihrem Mann entgegen setzen kann. Das wäre das größte Tabu. Gleichzeitig könnte es schreckliche Konsequenzen haben. Viele Ehefrauen in Uganda wurden allein deswegen von ihrem Mann umgebracht, weil das Essen nicht schmeckte oder es Streit um eine andere alltägliche Banalität gab.

Landbesitz bedeutet für eine Witwe in Uganda ihre Lebensgrundlage. Nimmt man es ihr weg, verliert sie das Dach über dem Kopf und das Ackerland, durch das sie ihre Kinder ernährt. „Landraub ist als ob dir jemand eine Pistole an die Schläfe hält“, so beschreibt es eine Betroffene.

„Eine Frau ist Eigentum ihres Mannes. Sie kann nichts erben. Denn Eigentum kann nicht Eigentum erben.“ – Rose*

Landraub trifft Frauen vor allem dort, wo diese Meinung dem national geltenden Recht übergeordnet ist. Offiziell haben Frauen dieselben Erbrechte wie Männer, denn sie sind im gesamten Gesetz gleichberechtigt. Doch die Praxis ist besonders in ländlichen Gegenden genau umgekehrt.

Wenn der Mann stirbt, erbt sie nicht, sondern wird quasi vererbt – wie Eigentum. Da die Familie des Mannes in der Witwe und ihren Kindern häufig nur eine unwillkommene Last sieht, werden sie meist verstoßen. Das Land, das kleine Häuschen und den Gemüsegarten hingegen wollen die Verwandten des Mannes oft um jeden Preis haben. Dabei sieht die Tradition in seinem Ursprung vor, dass die Witwe und ihre Kinder bei der Familie des verstorbenen Mannes Schutz finden. Gewaltsam verjagen sie stattdessen die Witwe aus ihrem Zuhause.

Betroffen von Landraub sind auch Tausende Kinder. Für sie bedeutet der Verlust des Landes häufig eine Kindheit mit Hunger, fehlender Schulbildung und allgegenwärtiger Gewalt.

„Eine Frau ist ohne ihren Mann nur noch Müll, den man schnell wegschmeißt“, sagt Rose und es tut ihr sichtlich selbst weh, das zu sagen.

Die Folgen von Landraub sind dramatisch für Witwen und ihre Kinder: Obdachlosigkeit, Schutzlosigkeit und Existenznot. „Landraub ist als ob dir jemand eine Pistole an die Schläfe hält“, sagte mal eine betroffene Frau zu Rose*. Witwen berichten von ihrer Verzweiflung, als sie nicht mehr wussten, was sie ihre Kindern versorgen sollten und die Kinder immer kränker wurden. Fast ein Viertel der Witwen gab in einer von IJM und externen Partnern durchgeführten Studie (2013) an, dass eins ihrer Kinder in Folge von Landraub und der massiven Armut gestorben ist.

Besonders alarmierend ist dazu die Gefahr, dass die Witwe und ihre Kinder Opfer weiterer Gewalt werden. Dazu zählen: sexuelle Gewalt, Ausbeutung oder Verschleppung der Kinder.

Um Witwen zu helfen, muss sich vieles ändern. Daran arbeitet IJM in Uganda mit der Regierung, den Behörden und der Polizei. Der Kampf gegen Landraub braucht viele Mitstreiter. Neben den juristischen Fragen und Herausforderungen stehen die kulturellen: Was muss sich verändern, damit eine Frau nicht länger als Eigentum gilt?

Rose* weiß um die Rechte der Frauen in ihrem Land. Im Kampf für diese riskiert sie viel in ihrer Kultur, doch sie ist entschlossen: „Ich habe mein ganzes Leben in Angst gelebt – vor meinem Mann, vor der Kultur, in der ich niemand bin. Heute will ich mich nicht mehr davon bestimmen lassen. Mich treibt die Hoffnung auf Veränderung an.“ 2016 kümmerte sich Roses Team um 117 Witwen und sorgte für ihren Schutz sowie für ihre juristische Verteidigung, damit sie ihr Land rechtmäßig behalten können.

*Um unsere Mitarbeiterin zu schützen, verwenden wir ein Pseudonym.

Das IJM-Team in Gulu, Uganda bei der Eröffnung unseres dortigen Büros 2013. Im Jahr 2016 begleiteten die Mitarbeiter 117 Witwen und sorgten für ihren Schutz sowie für ihre juristische Verteidigung, damit sie ihr Land rechtmäßig behalten können.

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