Mädchen leben gefährlich

von | Mrz 7, 2017 | Politische Arbeit

Wissen Sie, was die drei gefährlichsten Orte für ein Mädchen sind?

Die erschreckende Antwort ist, dass es sich um die Orte handelt, an denen sich ein Mädchen eigentlich am sichersten fühlen sollte: die Schule, die Nachbarschaft und das eigene Zuhause.

Laut der Weltgesundheitsorganisation ist für viele Mädchen in Armut die Schule der Ort, an dem sie am ehesten sexuelle Gewalt erleben. Andere alltägliche Beschäftigungen, wie die Teilnahme am öffentlichen Personenverkehr, die Benutzung einer öffentlichen Toilette oder Wasserholen am örtlichen Brunnen, bedeuten für Mädchen und Frauen in Entwicklungs- und Schwellenländern ein besonderes Risiko, durch welches sie sich der Gefahr von Belästigung und Gewalt aussetzen.

Gewalt gegen Frauen ist kein Problem einer bestimmten Kultur, Region oder eines Landes. Man findet sie in jeder Gesellschaft. Frauen werden zur Ware oder als Geschöpf mit weniger Rechten betrachtet. Die meisten Gesellschaften haben Gesetze, die dies verbieten. Aber in der Realität werden diese Gesetze häufig nicht umgesetzt, Fälle werden vertuscht oder einfach geduldet.

Schätzungsweise eine von fünf Frauen weltweit erlebt während ihres Lebens eine Vergewaltigung oder versuchte Vergewaltigung. (UN)


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79 Prozent der Betroffenen von Sklaverei sind Frauen und Mädchen. (UN)

Dabei ist es nachweislich so, dass es einer Gesellschaft besser geht, je besser sie ihre Frauen behandelt.

Erhält ein Mädchen eine gute Bildung, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sie als Kind verheiratet und zu früh schwanger wird. Gleichzeitig steigen ihre Chancen auf ein gutes Einkommen und gesunde Kinder, wodurch sie ihre Familie aktiv unterstützen kann, den Armutskreislauf zu durchbrechen. Davon profitiert die ganze Gesellschaft.

Tatsächlich ist es aber so, dass 130 Millionen Mädchen heute weltweit nicht zur Schule gehen (UNESCO).

Die Angst vor Gewalt ist ein weit verbreiteter Grund, warum Eltern ihre Töchter zuhause behalten. Und auch innerhalb der eigenen Familie sind Mädchen oft nicht sicher.

Laura lebt mit ihrem neunjährigen Bruder Seth und ihrer vierjährigen Schwester Cantai in Korogocha, einem der Slums Nairobis, Kenia..

Ich möchte Ihnen Laura vorstellen. Laura wurde in Korogocha geboren, einem Slum Nairobis in Kenia. Zusammen mit ihrem Vater, ihrem neunjährigen Bruder Seth und ihrer vierjährigen Schwester Cantai lebt die Zehnjährige in einem Raum von drei Quadratmetern. Ihre Mutter verstarb vor kurzem als weiteres Opfer der AIDS/HIV-Katastrophe in Afrika.

In Korogocho findet sich eine Kulisse extremer Armut: ärmliche Hütten, schlimme hygienische Verhältnisse, hohe Arbeitslosigkeit und Hunger. Der durchschnittliche Slumbewohner hier hat pro Tag weniger als einen US-Dollar zum Überleben zur Verfügung.

Korogocha in Nairobi, Kenia

Doch viel mehr als Hunger oder Krankheit fürchten die Bewohner die allgegenwärtige Gewalt, die ungestraft weiter um sich greift und die Menschen in ihrer Armut gefangen hält.

Laura erlebt diese Gewalt am eigenen Leib, als ihr Vater sie nach dem Tod ihrer Mutter fast jede Nacht vergewaltigt. Die Nachbarn hörten ihr Schreien und Flehen, unternahmen aber nichts. Das sei „Familiensache“ und die Behörden würden sowieso nichts unternehmen. Irgendwann hörte Laura auf zu weinen, weil sie sich, wie sie sagte, „daran gewöhnte“.

Eines Morgens, Laura war gerade in die vierte Klasse gekommen, packte ein Nachbar sie auf dem Weg zur Schule und vergewaltigte sie. Anschließend warf er ihr 75 Cent zu und befahl ihr, den Mund zu halten. In Lauras Welt war dies der einzige Preis, den ein Vergewaltiger für sein Verbrechen zahlte.

Laut WHO ist für viele Mädchen in Armut die Schule der Ort, an dem sie am ehesten sexuelle Gewalt erleben.

Eine Sozialarbeiterin, die von ihrer Lehrerin verständigt wurde, brachte Laura ins Krankenhaus, damit ein Arzt die eindeutigen Belege für die sexuelle Gewalt, die sie so oft erlitten hatte, dokumentierte. An dieser Stelle nun wird Lauras Geschichte absurd. Denn dieser medizinische Befund reichte nicht aus. Die Polizei in Nairobi verlangte, dass ein ganz bestimmter Arzt die Gutachten für körperliche Gewalt erstellt. Anderenfalls würde sie das Formular weder vor Gericht noch bei der Staatsanwaltschaft vorlegen.

Nairobi ist aber eine Stadt mit drei Millionen Einwohnern, in der Studien zufolge rund eine halbe Million Opfer physischer Gewalt pro Jahr zu erwarten sind, darunter 150.000 Vergewaltigungsopfer. Laura müsste sich also theoretisch mit 600 anderen Betroffenen sexueller Gewalt anstellen, die diesen Arzt pro Tag aufsuchen müssten. Damit eine Untersuchung auf Vergewaltigung wirklich von Nutzen sein kann, muss sie allerdings innerhalb von 72 Stunden nach der Tat erfolgen, weshalb der Polizeiarzt in seinem Gutachten dann auch schrieb, dass bei Laura keine Vergewaltigung vorläge.

Mädchen wie Laura kehren so in ihren Slum zurück, wo Vergewaltiger die Justiz nicht einmal bestechen müssen, um ungeschoren davonzukommen.

Ihre Geschichte ist nicht nur ein Beispiel für die Gewalt und der Botschaft von Wertlosigkeit, mit der Millionen Mädchen täglich konfrontiert werden, sondern auch für die himmelschreiende Verwahrlosung des Rechtssystems, das sie eigentlich schützen sollte.

Diese Verwahrlosung ist so tiefgreifend, dass das gesamte System in der größten Stadt Ostafrikas durch eine absurde Praxis, die niemand zur Kenntnis nimmt oder auch nur zu rechtfertigen versucht, praktisch außer Kraft gesetzt wird.

Mit enormen Anstrengungen und großen finanziellem Investment stellen wir uns als weltweite Gemeinschaft seit Jahrzehnten der Armut entgegen. Aber wir haben nicht oder zu wenig beachtet, dass Gewalt den Armen jedes Mal den Boden unter den Füßen wegzieht, wenn sie versuchen, auf die Beine zu kommen.

 

Bitten Sie mit uns Entwicklungsminister Gerd Müller, mehr Entwicklungsgelder in die Stärkung von Rechtssystemen zu investieren!

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