Sind die denn nicht alle korrupt?

von | Apr 20, 2017 | Ihr fragt – wir antworten

Wenn ich anderen über die Arbeit von IJM erzähle, ist eine der am häufigsten gestellten Fragen diese: „Die Polizisten in Entwicklungsländer sind doch so korrupt. Wie könnt ihr denn mit solchen Beamten zusammenarbeiten?“

Damit sprechen meine Gesprächspartner eines der großen Probleme an, welches ein Rechtssystem marode macht. Tatsächlich haben die meisten Entwicklungs- und Schwellenländer große Probleme mit Korruption. Beamte erpressen arme Menschen mit der Androhung von Verhaftung oder Bußgeldern. Sie nehmen Bestechungsgelder von Reichen an, anstatt sie für Vergehen strafrechtlich zu belangen. Das gehört in der Regel zum Alltag. Dabei ist Korruption im Rechtswesen noch gravierender als in anderen öffentlichen Ämtern. Schließlich ist es die ureigenste Aufgabe des Rechtssystems, Unrecht und Machtmissbrauch zu bekämpfen. Wenn nun das korruptionsbekämpfende System selbst käuflich ist, gelangt die gesamte Gesellschaft in einen Teufelskreis aus Kriminalität und Unrecht. Möglicherweise ist das der Grund, warum viele aufgegeben haben, sich gegen diese korrupten Systeme zu wehren.

Korruption ist problematisch aber nicht unbezwingbar

Auch bei IJM begegnen wir regelmäßig korrupten Beamten. Für unsere Mitarbeiter gilt: Null Toleranz gegen Korruption und Bestechung. Häufig erleben wir dadurch auch Rückschläge und Frustration. Bei einer großangelegten Befreiungsaktion mit einer Eliteeinheit der Polizei in Cebu, Philippinen beispielsweise wurden 15 minderjährige Opfer von Menschenhandel gerettet und der einflussreiche Besitzer eines Bordells sowie seine Manager verhaftet. Doch auf der Dienststelle gaben einige Polizisten ihm die Gelegenheit zur Flucht, weshalb letztendlich nur seine Untergebenen vor Gericht gestellt werden konnten. Als IJM die Behörde anschließend offen mit diesem beschämenden Vorfall konfrontierte, führte dies nur zu einem angespannten Verhältnis zwischen ihr und IJM.

Das Ziel unserer Analysen und Fallarbeit ist nicht, genügend Beweise zu sammeln, um die hochrangigen Beamten des Systems öffentlich an den Pranger zu stellen. Vielmehr geht es darum, genaue Kenntnis von Missständen zu erhalten und ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, damit wir als authentischer Partner bei der Suche nach praktikablen Lösungen unterstützen können. Dabei werden wir immer wieder wichtigen Beamten begegnen, die Probleme nicht lösen wollen, aber es gibt auch immer diejenigen, die Probleme lösen und Veränderung bewirken wollen. Solch eine Vorgehensweise bringt keine schnellen Erfolge hervor. Es gibt keine spektakulären Enthüllungsstorys. Aber es wäre auch naiv zu glauben, ein marodes Rechtssystem könne echte Veränderung erfahren, ohne dass es einzelne Champions innerhalb des Systems gibt, die sich dem Kampf stellen

Wann immer wir Erfolge verzeichnen konnten, dann nur, weil lokale Behörden mutig und kompetent vorangingen. Oft fehlt den Behörden aber die politische Unterstützung und Rückendeckung, die nötige Schulung und die Mittel, um erfolgreich und unabhängig arbeiten zu können. Um das zu ändern, arbeitet IJM Hand in Hand mit den Behörden und politischen Entscheidungsträgern - wie hier unsere Mitarbeiterin bei einer Schulung von Polizisten in Mumbai, Indien.

Korrupt aus Frust

Die Auffassung, alle Behörden in Entwicklungsländern seien hoffnungslos korrupt, teilnahmslos und inkompetent, ist auch falsch. Wann immer wir Erfolge verzeichnen konnten, dann nur, weil lokale Behörden mutig und kompetent vorangingen. Die Behörden sind da und oft auch der gute Wille, aber ihnen fehlen die politische Unterstützung und Rückendeckung, die nötige Schulung und die Mittel, um erfolgreich und unabhängig arbeiten zu können. Immer, wenn die Leiter dieser Behörden mehr Entscheidungsbefugnisse erhalten hatten, galten Gewalttaten gegen Arme nicht länger als unwichtig im Vergleich zu „richtigen“ Verbrechen, wie Drogenhandel und Terrorismus. Wenn diesem Bereich der Verbrechensbekämpfung mehr Aufmerksamkeit gewidmet wurde, erlebten auch Polizisten, Staatsanwälte und Richter Erfolgserlebnisse. Allmählich erahnten sämtliche Mitarbeiter des Rechtswesens, wie ihre Arbeit aussehen könnte und müsste – was natürlich zu mehr Engagement führte.

Die große Masse der Mitläufer

Im Laufe der Zeit kristallisierte sich eine Dynamik heraus, die wir 15-70-15-Regel nennen. Diese Regel ist nicht wissenschaftlich fundiert, fußt jedoch auf unserer Erfahrung und Beobachtung, dass in Entwicklungs- und Schwellenländern knapp 15 Prozent der Beamten im Rechtssystem einzig und allein darauf bedacht sind, ihre Macht und Autorität für verbrecherische Zwecke zu missbrauchen. Weitere 15 Prozent wachen jeden Tag mit der Absicht auf, Gutes zu tun und den Bürgern zu dienen. Die große Mehrheit – die übrigen 70 Prozent – wartet einfach ab, welche Fraktion die Oberhand gewinnt. Solange die korrupten 15 Prozent an der Macht sind, fügen sich die 70 Prozent dem Systemmissbrauch, weil ihnen dies Vorteile bringt und es riskant wäre, sich der dominanten Partei entgegenzustellen. So entsteht der Eindruck, als seien 85 Prozent der Kräfte im Rechtssystem korrupt und gewaltbereit.

In Wirklichkeit ist die Situation meist viel dynamischer als es zunächst scheint. Wenn nämlich die 70 Prozent der Unentschlossenen den Eindruck haben, dass die rechtschaffenen 15 Prozent die Oberhand gewinnen, dann arbeiten sie ihre Akten in der Regel bereitwillig auf, um keinen Ärger zu bekommen. Deshalb kann sich ein System, das zu 85 Prozent aus Ganoven zu bestehen schien, recht schnell in eines aus überwiegend recht gesinnten Staatsdienern verwandeln.

 


Gewalt – Die Fessel der Armen

Wie ein Rechtssystem verändert werden kann, führt Gary Haugen, Gründer und CEO von IJM, in seinem Buch „The Locust Effect“ aus. Das Buch ist in deutscher Sprache unter dem Titel „Gewalt – die Fessel der Armen“ im Springer-Verlag erschienen.

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